013 - Peter Iljitsch Tschaikowsky

Peter Iljitsch Tschaikowsky

Ein Plädoyer für den russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky: Als Peter Iljitsch Tschaikowsky am 7. November 1893 93-jährig starb, nahm das russische Volk von dem Mann Abschied, der als  erster  der  Musik  seines
Landes  zu  internationalem Ruhm verholfen hatte. Nicht einmal  zwei  Wochen  zuvor war sein Meisterwerk, die 6.
Sinfonie  uraufgeführt  (und nicht  verstanden)  worden. Erst die Wiederholung dieses Werkes in einem Gedenkkonzert  öffnete  den  Hörern  die Ohren:  hier  klagte  ein  am Leben verzweifelnder Mensch.
Peter Iljitsch gestaltete ein musikalisches   Seelendrama  in einer Intensität, wie es die Musikwelt  noch  nicht  erlebt
hatte.  Der  Schlußsatz,  der schließlich im Nichts erstirbt, wurde  unmißverstandlich  als Abschied eines leidenden Menschen von der Welt gedeutet. Sogleich hamen Gerüchte auf, der der an den Schuldgefühlen, die seine Homosexualität  in  ihm  verursachten, verzweifelnde Komponist habe  Selbstmord  begangen und sich mit diesem Werk ein eigenes Requiem geschrieben.
Bekannt  ist,  daß Tschaikowsky wenige Tage nach der Uraufführung der 6. Sinfonie an den  Symptomen  der  Cholera
erkrankte, nachdem er ein Glas unabgehochtes Newa-Wasser getrunken hatte. Ob unwissentlich oder mit Absicht, darüber war man sich nicht einig. Sein Bruder  Modest  beschrieb  den oft krankhaft Depressionsmusiker gerade in diesen Tagen als ausgesprochen heiter und gelöst, eine Stimmung, in die ihn seine jüngsten  Kompositionen  stets umsetzten. Von dieser Sinfonie war er überzeugt, und selbst der Mißerfolg  der  Uraufführung, änderte nichts an dieser Einstellung.  Ich  liebe  sie,  wie  ich zuvor keines meiner musikalischen Produkte geliebt  habe, schrieb er an seinen Neffen Wladimir (genannt Bob), den Widmungsträger des Werkes.
"Mein  ganzes  Leben  habe ich unter dem Zwang gesellschaftlicher Verpflichtungen gelitten.... Solange ich infolge meiner gesellschaftlichen Stellung Begegnungen nicht vermeiden konnte, lernte ich viele Menschen kennen,  tat  so,
als  ob  das  für  mich  ein Vergnügen  wäre,  spielte gezwungenermaßen eine Rolle (in Gesellschaft läßt sich  das  nicht  vermeiden) und litt unsäglich."
Der Empfänger dieser Zeilen war über 19 Jahre hinweg  der  engste  Vertraute Tschaikowskys  und  bietet einen    Schlüssel    zum Verständnis des Komponisten:  Frau  Nadeshda  von Mech,  eine  vermögende Mäzenin,  war  von  der Musik  Tschaikowskys  so angetan  daß  sie  ihm,  die sein Leid nicht mit ansehen konnte, umfangreiche Geldsummen zukommen ließ, um ihm freies, unbelastetes Schaffen zu ermöglichen. Durch ihre Zuneigung und Anteilnahme fand er nach einem schweren Nervenzusammenbruch infolge einer gescheiterten  Ehe  zurück  ins Leben.  (In  dieser  Heirat  sah Tschaikowsky  die  letzte  Rettung,  von  den  zunehmenden Gerüchten um seine Homosexualität abzulenken.)
Die beiden lernten sich nie personlich hennen, wechselten jedoch über Tausend Briefe, die mitunter unmißverstandliche Liebeserklärungen enthielten. Als Nadeshda unter dem Vorwand, starke finanzielle Verluste
erlitten zu haben, den Kontakt 1890 mit einem einzigen Brief abbrach, war Tschaihowsky tief verstört, zumal dem inzwischen anerkannten Künstler diese Begründung für den Abbruch einer Freundschaft   zurecht   unverständlich blieb. Man vermutete später, Frau von Mech sei von ihren habgierigen Verwandten über Tschaikowskys Homosexualität  aufgeklärt  und  zum Abbruch  dieser Beziehung bewegt  worden.  Eine  logische Erklärung für ihr Verhalten gibt es nicht.
"Ich sehne mich jetzt sehr nach freundschaflicher Teilnahme und nach Verkehr mit nahestehenden Menschen. Denn ich befinde  mich  in  einer  höchst rätselhaften  Verfassung  -  auf dem Weg zum Grabe. Es geht etwas Seltsames, Unbegreifliches in mir vor. Etwas wie Lebensüberdruß hat mich ergriffen. Ich leide zeitweise unter zermürbendem Kummer, aber das ist nicht jenes Leiden, aus dem neuer Lebenswille  emporsprießt,  sondern etwas Hoffnungsloses,
Endgültiges und, wie immer in einem Finale, etwas Banales."
Aus  dieser  Stimmung  heraus wächst die 6. Sinfonie, die in der Intensität  an  Ausdruck  alle vorherigen Werke übertrifft. In jüngster Zeit wird eine andere Variante  der  Selbstmordthese diskutiert, deren Wahrheitsgehalt und Authentizität fragwürdig erscheinen, die jedoch von zahlreichen Wissenschaftlern aufgegriffen wurde.  Demnach
hat  ein  Graf Stenboch-Fermor, erbost über die Beziehung Tschaihowshys zu einem Neffen des Grafen, einen Brief an
den Zaren verfaßt, den ein ehemaliger  Studienhollege  Tschaikowskys  weiterleiten   sollte. Dieser jedoch  befürchtete,  die Rechtsschule, an der beide studierten, könnte bei Bekanntwerden der Angelegenheit in Mißkredit geraten. So berief er ein  Ehrengericht  ein,  zu  dem neben   Tschaikowsky sechs weitere  ehemalige  Schüler  des
Komponisten  geladen  wurden. In einer fünfstündigen Sitzung wurde beschlossen, daß Tschaikowsky sich das Leben zu nehmen   habe.   Am   nachsten Morgen  wurde  ihm  das  Gift gebracht.  Man  hatte  sich  auf Arsen geeinigt, das bei entsprechender Dosis das Kranhheitsbild der Cholera aufwies. Das  Glas Newa-Wasser soll demnach  nur  dazu  gedient haben, die Aufmerhsamheit auf die Cholera zu lenken.
Die  hier  referierten  Aussagen stammen angeblich von dem behandelnden Arzt Tschaikowskys. Er habe sie kurz vor
seinem Tode gemacht. Die Verfechter dieser These führen u.a. an, daß die Inkubationszeit für Cholera  nach  Einnahme  des unabgekochten Wassers zu kurz gewesen sei: bereits zwei Tage später war Tschaikowski tödlich erkrankt, während bei der Cholera ein Zeitraum von ca. zwei Wochen anzusetzen ist. Zudem wurde  der Leichnahm  nicht - trotz hoher Ansteckungsgefahr - sofort eingeäschert, wie es üblich war, sondern lag offen aufgebahrt in der Kirche. In jedem Fall ist es eine These, mit der sich ein Geschäft machen läßt. Es ist zu vermuten,  daß die Entwicklung des musikalischen Spatzünders Tschaikowsky ohne die ihn belastende Erbanlage in andere  Bahnen  gelangt wäre.
Aus der Verzweinung an seinem  Schicksal schöpfte er - oft an der Grenze zum Wahnsinn - die Kraft für seine Musik. Sein unablässiges Streben nach musikalischer  Schönheit und Aufrichtigheit spiegelt eine Welt wieder, die  Tschaikowsky nie gekannt hat, nach der er sich jedoch sein ganzes Leben sehnte.
Um dieser Schönheiten wegen wurde seine Musih scharf angegriffen, es gehörte zeitweise zum guten   Ton,   Tschaikowskys Musik  zu  verachten.  Um  sie wirklich zu verstehen ist es gar nicht wichtig, seine Biographie zu kennen, doch kann es sich als hilfreich  erweisen,  die  Musik des  Meisters  auf  dem  Hintergrund  seines  Lebens  zu
hören: als Überlebensschrei eines Vereinsamten und Ausgestoßenen. Vielleicht sind es diese elementaren Gefühle, die immer wieder  Menschen an Tschaikowskys Musih fesseln.

Mathias Richter
(Komponist)